Helnwein ( presse )
previous-INDEX-next


Die Zeit
Monika Putschögl
GOTTFRIED HELNWEIN, ANDREAS HOFER UND ANDY WARHOL
Reinhold Messner eröffnet auf Schloss Sigmundskron hoch über Bozen ein Museum
Gemälde dokumentieren die Eroberung der Berge. Eiger und Montblanc, das Matterhorn, der Kilimandscharo, Kunstwerke, geschaffen ob 1886, ob 1910 oder 2003, zieren den rohen Fels. E. T. Compton ist dabei und Gottfried Helnwein, Andreas Hofer und Andy Warhol.

Gottfried Helnwein : Messner Mountain Museum Firmian
Messner Mountain Museum Firmian 2006
Südtirol

Ich habe sie erobert«, sagt er, als könne er es noch immer nicht richtig glauben. Denn er hat gekämpft um sie. Jahrelang. Und er war hart dran aufzugeben. Aber vom 11. Juni an wird er sie stolz allen zeigen – seine Eroberung, die er auch seinen 15. Achttausender genannt hat: Die Ruine Schloss Sigmundskron hoch über Bozen ist nun das Messner Mountain Museum Firmian. Wenn MMM Firmian – der mittelalterliche Name klingt internationaler als Sigmundskron – sein schweres schwarzes stählernes Tor öffnet, dann hat Reinhold Messners Bergmuseum sein Herzstück. MMM Firmian ist das Zentrum, die anderen, die kleinen MMMs wie Juval oder Ortles im Vinschgau, sind die Satelliten an den Rändern.

Toni Ebner, Chefredakteur der Tageszeitung Dolomiten, der konservativen Stimme der deutschsprachigen Südtiroler, hat auch gekämpft. Jahrelang. Er hat denen ein Forum gegeben, die gegen ein Messner Museum waren. Und das waren vom Heimatpflegeverband bis zur Politikerlegende Silvius Magnago 72 Prozent der deutschsprachigen Südtiroler. So hatte es die Zeitung erforschen lassen.

Auf der Wiese hockt ein japanischer Buddha
Gewonnen haben alle, die sich über ein spektakuläres neues Ausflugsziel freuen: Es gibt eine klar, kühn und konsequent sanierte Ruine – bezahlt vom Land Südtirol –, es eröffnen sich fulminante Ausblicke, und Reinhold Messner darf, dafür dass er die nächsten 30 Jahre für den Unterhalt und den Betrieb der Anlage aufkommt, in den Mauern Teile seiner gesammelten Werke zeigen: Darf seine Berggemälde aus dem 19. Jahrhundert ins rechte Licht rücken, alles Originale!, seine neusten Errungenschaften moderner Kunst präsentieren, darf Buddhas auf die Wiese setzen und chinesische Löwenfiguren an den Eingang.

Jeder, der auf der Autostrada Brenner–Verona an Bozen vorbeifährt, hat Sigmundskron schon einmal gesehen – und überlegt, was ist wohl los da oben? Ziemlich signifikant besetzt sie ihren Hügel mit dicken Türmen und 750 Metern Mauer. Bis Mitte der neunziger Jahre dämmerte die verfallende Festung in Privatbesitz und in Vergessenheit, direkt daneben wuchs Bozens Müllberg. Dann stand die Ruine zum Verkauf. Erst wollte sie so recht niemand ersteigern, dann machte das Land von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch.

Zu dieser Zeit war längst in Reinhold Messner der Plan gereift, Südtirol mit einem Bergmuseum zu beglücken. Wir haben die Mauern, befand der Ruinenbesitzer Landeshauptmann Luis Durnwalder, Sigmundskron, das wäre der Traumplatz, befand der Museumssucher Reinhold Messner. »Der Landeshauptmann hat mir vertraut«, sagt Messner. »Und wenn ich etwas tue, dann tue ich es mit all meiner Energie, meinem Geld und meinem Enthusiasmus.«
Sie hatten die Rechnung ohne die Dolomiten gemacht. »Wenn Steuergelder für etwas verwendet werden, ist es Aufgabe der Presse, zu schauen, wie«, sagt Chefredakteur Toni Ebner zum Engagement seiner Zeitung in der Causa Bergmuseum. Wäre es nicht besser und billiger gewesen, eine besinnliche Gedenkstätte zu schaffen?

Denn Sigmundskron ist nicht nur Südtirols älteste und größte Burganlage, sondern auch ein Platz von Südtirol-historischer Bedeutung, wie jedes Schulkind lernt: Am 17. November 1957 hatten sich mehr als 30000 deutschsprachige Südtiroler hier versammelt, um ihre spezielle Autonomie einzufordern. Die Losung hieß »Los von Trient«. Ein Meilenstein in Südtirols Geschichte.
Und diesen wichtigen Schauplatz sollte nun ausgerechnet Reinhold Messner besetzen, der auf dem Mount Everest sein Schneuztüchl als Fahne gehisst und für die Grünen in der EU gesessen hatte, der Mann, der das Land polarisiert wie kein anderer? So einfach nicht. Auch wenn es der Wunsch des Landeshauptmanns war. Eine europaweite Ausschreibung musste her.

Interessenten aus Irland wie aus Deutschland pilgerten zur Ruine Sigmundskron und schauten sich um. Der Heimatpflegeverband sammelte Spenden für ein Angebot. Nur: Es ging kein Konzept ein für die Nutzung der Ruine. War es die Angst vor den Folgekosten? War die Ausschreibung so sehr auf den einen zugeschnitten?
Schon aber hatte Reinhold Messner sein Bergmuseumprojekt anderweitig vorangetrieben, wie aus Trotz in einer Festung ganz oben am Monte Rite in der benachbarten Provinz Belluno ein Dolomitenmuseum installiert, in Sulden am Ortler ein Museum zum Thema Eis auf den Weg gebracht und sich in Nordtirol und Trient nach einem Platz für sein Herzstück umgesehen.
Wohlgeplant im allerletzten Augenblick, reichte Reinhold Messner ein. Als Einziger. So konnte kein anderer vorwerfen, im Nachteil gewesen zu sein.

Nun machte sich das Land an die Sanierung. Und die ist gelungen. Für rund acht Millionen Euro ist kein Disneyland entstanden, sondern eine zweckorientierte Bestandssicherung, von außen gar nicht zu bemerken. Die Ruine präsentiert sich beeindruckend in ihrem mattroten Felsgewand. Nur ordentlich aufgeräumt und gereinigt. »Das einzige Gestein ist Porphyr«, sagt der Südtiroler Architekt Werner Tscholl, der schon ein paar Burgen das Überleben gesichert hat, »dem antworten wir mit einem einzigen Material: Stahl.« Stahl, der im Inneren schwarz wie ein Schatten wirkt und sich draußen rostend der Farbe der Steine angleicht. Die Stahlkonstruktionen erschließen das alte Gemäuer, aber halten immer Distanz zum Gestein, sie jedoch erst schaffen die Verbindung zwischen Burg und Museum, sie machen Vergangenheit zugänglich und lassen die Beine spüren, dass es sich um ein Bergmuseum handelt.

Denn wie sich Reinhold Messner den langen Weg nach Sigmundskron erkämpft hat, müssen sich die Besucher den Zugang zu den Bildern von den Bergen der Welt erarbeiten. 400 Höhenmeter insgesamt bewältigt, wer sich auf den als Rundgang konzipierten Weg begibt. Der führt um den von einer Kapelle gekrönten Gipfel der Anlage herum, gleichsam wie um einen heiligen Berg, durch das Museum. Über Gitter, wie sie im Alltag über Kellerfenstern liegen könnten, über schmale Wendeltreppen, deren Stufen wie Viehroste nur aus ein paar Stäben bestehen, der Blick nach oben und nach unten offen. Der Weg durch die ehemalige Festung, über den Wehrgang, durch den Hof, die Türme hinauf und hinunter ist kein sorgloses Promenieren durch Museumssäle, es ist Aneignung des Geländes. Und zwingt, die Augen offen zu halten.

Sogar Müll vom Basislager des Mount Everest wird ausgestellt
Kein Wunder, dass Reinhold Messner diesen Platz wollte und keinen anderen. Hier oben versteht man die Begeisterung der Südtiroler für ihr Land. Auf der einen Seite der Fels, der Schlern, der Symbolberg, auf der anderen Seite das Weiß, die schneebedeckten Spitzen der Texelgruppe. Unten grün der Eisack und die Etsch, die Weinfelder, die Obstplantagen, die satten Hänge, das fruchtbare Land. Das Land, das vom Wohlstand regiert wird: die Schneisen der Autobahn, die Tunneleinfahrten, die Kräne, die das immer größer werdende Bozen bauen. Ein anschauliches Lehrbuch der Landnahme.
Wo schon die deutschen Könige vorbeikamen auf dem Weg nach Rom, kommen heute Millionen von Touristen vorbei. 100000 braucht Reinhold Messner pro Jahr, um seinen Bergtraum profitabel zu machen. Bereits an der Autobahn sollen Hinweisschilder sie zum Stoppen bringen und zum Umsteigen auf den Shuttle hinauf zur Ruine, wo Figuren aus fernen Welten sie in Empfang nehmen. Wie der Inuksuk, der Steinmann, sonst Orientierungshilfe in den eisigen Weiten des hohen Nordens.

Götterstatuen aus dem Hinduismus, aus dem Lamaismus besetzen die Nischen des Wehrgangs, in Schießscharten verstecken sich winzige Skulpturen aus Afrika, aus den Anden, Thangkas bedecken Mauern, keine Religion, die nicht von den Höhen kommt, Buddhafiguren rahmen eine gewaltige Gebetsmühle. Gemälde dokumentieren die Eroberung der Berge. Eiger und Montblanc, das Matterhorn, der Kilimandscharo, Kunstwerke, geschaffen ob 1886, ob 1910 oder 2003, zieren den rohen Fels. E. T. Compton ist dabei und Gottfried Helnwein, Andreas Hofer und Andy Warhol. Ein riesiger Bronzestalaktit symbolisiert den K2, Stephan Huber schuf eine schneeweiße Berginstallation. Und schließlich landet man beim Müll vom Basislager des Mount Everest.

Messner Mountain Museum Firmian ist ein Bergmuseum, nicht unbedingt ein Bergsteigermuseum. Es geht nicht um didaktische Inhalte, sondern um Gefühle, um die Bedeutung der Berge für die Menschen. Reinhold Messner will erzählen, Geschichten, die ohne seine Erfahrung nicht möglich wären, und er will verkuppeln: Menschen, Berge, Kunst, Reliquien und seine Aussagen in jedem Raum, die unterstützt werden von Zitaten bekannter Bergfreunde wie Goethe, Heine, Dante. Er will William Blakes Satz untermauern, dass Großes geschehen kann, wenn Mensch und Berg sich begegnen. Der Berg hat seine Kunst gefunden.
Und um das zu beweisen, hat der leidenschaftliche Sammler und bekennende Kitschliebhaber jetzt Platz. Sein Museum wird nie fertig sein, er will es immer lebendig halten, umhängen, auswechseln, Ausschau halten nach neuen Bildern.

Gottfried Helnwein : Reinhold Messner
Reinhold Messner 1983
Gottfried Helnwein
one man show
Stadtmuseum München

Reinhold Messner hat bekommen, was er wollte. Nur den Weißen Turm von Sigmundskron, den darf er nicht gestalten. Dort soll im Schnelldurchlauf auf kleinstem Raum von unten nach oben die Geschichte des Schlosses erzählt werden. Von 1957 bis zurück zur Jungsteinzeit. »Ich hätte es gern getan, aber man hat mich nicht gelassen.«

INFORMATION
Anreise: Auf der A22 bis Bozen-Süd, weiter mit dem Shuttlebus oder zur Sigmundskronerstraße. Mit dem Zug bis Bozen, mit dem Bus in Richtung Girlian
Öffnungszeiten:MMM Firmian bis 24. Dezember täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, dann wieder 15. Februar, Eintritt 8 Euro. Auskunft: Tel. 0039-0471/631264
MMM Ortles (Sulden) bis Anfang Oktober und von Dezember bis Anfang Mai täglich außer dienstags von 14 bis 18 Uhr, Eintritt 5 Euro; MMM Juval (Kastelbell im Vinschgau) Palmsonntag bis 30. Juni und 1. September bis Anfang November, täglich außer mittwochs von 10 bis 16 Uhr, Eintritt 7 Euro; MMM Dolomites (auf dem Monte Rite bei Cibiana di Cadore) von Juni bis September, Eintritt 5 Euro
Literatur: Reinhold Messner: »Mein Leben am Limit«; Malik, München 2004; 9,90 Euro
DIE ZEIT, 08.06.2006

Gottfried Helnwein :



08. Juni 2006 Die Zeit Monika Putschögl



ENGLISHDEUTSCHFRANCAISITALIANOESPANOLCESTINAPOLSKIRUSSIANCHINESEJAPANESE
Helnwein : presse
weitere Helnwein Sites
www.helnwein.com
www.helnwein.de
www.helnwein.fr
italia.helnwein.com
hispano.helnwein.com
cesko.helnwein.com
polska.helnwein.com
russia.helnwein.com
japan.helnwein.com
china.helnwein.com
www.helnwein.ch
www.gottfried-helnwein.ch
www.gottfried-helnwein.at
www.gottfriedhelnwein.ie
kristallnacht.helnwein.com
www.helnwein.org
www.helnwein.net
www.helnwein-museum.com
www.helnwein-music.com
www.helnwein-theater.com
www.helnwein-photography.com
www.helnwein.info
www.helnwein-archive.com
www.helnwein-archiv.de
www.helnweinreview.com
www.helnweincomic.homestead.com
NEWS [
Event Calendar
News Update
]
KÜNSTLER [
Atelier
Biografie
Ausstellungen
Sammlungen
Bibliografie
Filme
Zitate
Zitate von Helnwein
News Update
]
WERKE [
Mischtechnik auf Leinwand
Fotografie
Selbstportraits
Aquarelle
Zeichnungen
Aktionen und Installationen
Landschaften
Theater und Film
]
TEXTE [
ausgewählte Autoren
deutsche Texte
internationale Texte
Texte von Helnwein
Zitate
Zitate von Helnwein
]
PRESSE [
ausgewählte Artikel
deutsche Presse
>internationale Presse
Interviews
Internet
]
KONTAKT [
Gästebuch
E-mail
Links
]
untranslated [
Austria Spezial
]
SHOP [
www.helnwein-artstore.com
]